Moderne Architektur

Ein Haus ohne Dach? Ist wie ein Stuhl ohne Lehne!

Bei einem Ausflug neulich zum Phoenix See entfachte die umgebende “neue” Architektur recht verhaltene Begeisterung. Klar, das künstlich aus dem Boden gestampfte Städtebauprojekt in Dortmund Hörde bietet Zündstoff. Und vor einigen Jahren gab es viele erhitzte Gemüter, von wegen Gentrifizierung und explodierende Immobilien. Das war bei der Exkursion ins Ruhrgebiet aber nicht das Reizthema, sondern die moderne Architektur an sich, präziser: die nicht vorhandene Dächer auf den zahlreichen Neubauten, die sich um den See gruppieren. Natürlich sind sämtliche Häuser dort “bedacht”, vermisst wurden explizit die Giebel- bzw. Satteldächer.

Moderne Wohnhäuser am Phoenix See in Dortmund, Foto: Ute Latzke

Villa am Ufer des Phoenix Sees, Foto: U. Latzke

Ob minimalistische Mehrfamilien-häuser oder elegante Villa am Hang – die Ausflügler waren sich einig: “Ein Haus ohne Dach ist doch kein Haus. Das ist ja wie ein Hut ohne Krempe, geht ja gar nicht. Moderne Architektur…

… das sind doch keine Häuser, sondern Kaninchenställe. Was haben die früher toll gebaut. Das war noch echtes Handwerk und 1A-Qualität...“ Dieser Standpunkt ist ja legitim, es geht ja um Geschmack. Oder ist das nicht doch alles nur gelernte, verinnerlichte und tradierte Meinung? Jedenfalls ist diese Haltung ein wenig schade. So reicht ein Flachdach, respektive ein nicht vorhandenes Dach offenbar aus, den “Rest” eines Neubaus komplett außen vor zu lassen. Es wird überhaupt nicht mehr geschaut, ob der Gesamtentwurf ggf. doch ansprechend, ästhetisch gelungen und in sich stimmig ist. Klar gibt es miese Architektur im Wohnungsbau und lieblos hochgezogene Eigenheime von der Stange, nicht gerade wenige davon übrigens mit Giebel- oder Satteldach… Und auch darf die Frage gestellt werden, ob denn die Mietshäuser (-kasernen?) aus den 50er und 60er Jahren gleich architektonische Highlights sind, weil sie ausweislich ein Dach über dem Kopf haben… ;-)?

Auch der bauliche Kontext entscheidet
Zumal: Es kommt auch immer auf den baulichen Kontext an. In einem denkmalgeschützten Stadteil wie etwa im Briller Viertel in Wuppertal stehen fantastische Bauwerke aus der Gründerzeit. Mit rund 250 denkmalgeschützten Gebäuden ist der Bezirk in Elberfeld das größte zusammenhängende Villenviertel Deutschlands. Natürlich haben alle traditionelle Dächer in vielfältigen Formen. Wunderbar, so wurde früher eben gebaut und das passt! Noch schöner, wenn dann Alt und Neu nebeneinander (be)stehen darf, indem die neue Architektur die Tradition aufgreift und im Jetzt verortet.

Zeitlos schön: Gründerzeitvilla im Briller Viertel, Foto: U. Latzke

Neubau im Briller viertel - Yeah mit Dach! Foto: U. Latzke

Es gibt eben auch gelungene Neuinterpretationen vom Häusle mit Dach, wie oben rechts und z.B. auch das Wohn- und Geschäftshaus k5 von Hochstrasser Architekten aus Ulm. Darüber habe ich übrigens einen Artikel in der db Deutsche Bauzeitung geschrieben. Hier galt es, einen zeitgemäßen Entwurf behutsam in die Bestandsbebauung der historischen Altstadt von Ulm in unmittelbarer Nähe zum Münster zu integrieren, was gut gelungen ist.

Unterkühlte Reaktionen – wie bitter
Es ist eine Tatsache, dass “leidgeprüfte” Architekten und Immobilienentwickler ein Lied davon singen können ob der teils verstörenden, zumindest aber unterkühlten Reaktion auf ein fertiggestelltes Projekt. Wenn ihre minimalistischen Entwürfe und städtebaulichen Konzepte nur Kopfschütteln oder Ablehnung auf breiter Front hervorrufen. Und das, obwohl sie einen Preis bei einem Wettbewerb für Wohnungsbau gewonnen haben. Das ist bitter. Denn auch ich mag sie, diese elegant reduzierte Architektur, auch wenn mich nicht jeder dahingeworfene Kasten überzeugt. Auch die Bauherrenschaft und die Investoren sind begeistert sowie die späteren Nutzer. Logisch, sonst würden sie nicht einziehen.

Architekturempfinden basiert auf tradierten Sichtweisen
Die Menschen im Viertel und in direkter Nähe zum Objekt sehen das wohl anders. Warum ist das so? (Die Debatte um Gentrifizierung und Preisexplosion lassen wir jetzt mal außen vor, das ist eine andere Baustelle, wenn auch wichtige…) Ganz einfach: Viele, die sich mit sog. moderner Architektur “konfrontiert sehen” – genauso empfinden sie das –, tun sich eben schwer damit. Ihr ästhetisches Urteil ist zumeist geprägt von ihrem Umfeld und der Umgebung, in der sie aufgewachsen sind: Die Tapete im einstigen Kinderzimmer, die alten Möbel, Omas Stube und der verwinkelte düstere Dachboden, der so viel Geheimnisse bereit hielt... Das sind lieb gewonnene Traditionen und gelernte Sichtweisen. Das ist ja auch okay. Jedem geht es mehr oder wenig so. Schöne Erinnerungen halt. Was ist zu tun?

Kindertagesstätte in Wuppertal, Ein Entwurf, der Polarisiert, Foto: Ute Latzke

Briller Viertel Wuppertal, Foto: U. Latzke

Umfeld und Presse rechtzeitig informieren und einbeziehen
Aus diesen Gründen ist es nicht besonders klug, ein Neubauprojekt jemandem einfach “vor den Latz zu knallen” und aus die Maus. Zielführender und auch fairer wäre es, die Menschen schon vor der Planung und auch während der Bauphase einzubeziehen und auf dem Laufenden zu halten. Gerne in Form von regelmäßigen Baustellenbegehungen mit Häppchen und Bierchen. Scherz! Aber warum eigentlich nicht? Klingt nach Aufwand? Der dürfte sich aber lohnen, weil eine Verbindung herstellt wird, sich die Menschen ernst genommen fühlen und Irritationen von vorneherein deeskaliert werden.

Architektur ist erklärungsbedürftig
Und auch später ist es nicht so, dass der fertige Neubau für sich selbst spricht, Motto: Die Idee und Genialität unseres Entwurfes springt doch sofort jedem ins Auge bitteschön! Bei einigen vielleicht, doch bei den meisten Menschen offenbar nicht, schon vergessen…? Moderne Architektur bzw. Immobilienprojekte sind sehr erklärungsbedürftig, eben weil sie ein Reizthema sind und auch bleiben werden. Und nicht jeder mögliche Interessent ist in der Lage oder hat Lust, sich durch Wettbewerbsbeschreibungen zu ackern oder recht fachspezifische (blutleere) Erläuterungstexte reinzuziehen.

Architektur erschafft Raum, klare Texte sorgen dafür, dass die Intention eines Entwurfs verstanden wird. Sind die Texte lebendig und emotional geschrieben, inspirieren sie den Leser und wecken im Idealfall Interesse und Begeisterung für das jeweilige Bauprojekt.
Ja – sogar für modernen Wohnungsbau ganz „ohne Dach“☺.





Phoenix See

Neue Architektur am künstlichen Gewässer

Der Phoenix See ist ein künstlich angelegtes Gewässer auf dem ehemaligen Stahlwerksareal Phoenix-Ost in Dortmund Hörde. 1998 wurde das Hochofenwerk Phoenix West geschlossen, drei Jahre später die ehemaligen Hermannshütte stillgelegt.

Phoenix see, Stadtteil Hörde in Dortmund, Wohn- und Geschäftshäuser, Foto: © Ute Latzke

 

2006 begannen die Aushubarbeiten, vier Jahre später wurde der See geflutet. Er ist 1,2 Kilometer lang, 320 Meter breit, drei bis vier Meter tief und somit ein beliebtes Ziel für Flaneure, Radfahrer und Skater. Auch Wassersportfans kommen hier auf ihre Kosten. Das Projekt polarisierte von Anfang, schließlich treffen hier im Wortsinne zwei Welten aufeinander: die schicken Bungalows, Mehrfamilienwohnhäuser und Villen in erster Reihe verdrängen die Arbeiterhäuser und den sozialen Wohnungsbau dahinter. Der Phoenis See zählt zu den größten Stadtentwicklungsprojekten Deutschlands und steht für das Ende von160 Jahre Industriegeschichte.

Dortmund mit dem Deutschen Städebaupreis ausgezeichnet
Inzwischen scheinen sich die Wogen ein wenig geglättet zu haben. Der Phoenix See steht heute für den Strukturwandel in Dortmund: Am Seeufer und dem benachbarten Areal Phoenix West haben sich inzwischen rund 160 Unternehmen mit 1700 Beschäftigten angesiedelt, außerdem gibt es viele Café, Bars und Restaurants. Im September 2018 ist Dortmund mit dem “Deutschen Städtebaupreis” ausgezeichnet worden, schreiben die Ruhrnachrichten. Der Zeitung zufolge hat sich Dortmund immerhin gegen 73 Mitbewerber durchgesetzt. Allerdings: Wer hier wohnen möchte, braucht schon ein gutes finanzielles Polster: Der Preis für eine Penthouse-Wohnung am Phoenix See liegt bei rund 3.200 Euro und die Miete bei etwa 17,50 Euro pro Quadratmeter.

Anbei eine Bildergalerie mit einigen Impressionen neuerer Architektur.

Architekturtipp

Briller Viertel in Wuppertal

Wer Wuppertal besucht, sollte sich das Briller Viertel nicht entgehen lassen. Das Quartier bildet mit rund 250 denkmalgeschützten Bauwerken eines der größten gründerzeitlichen Villengebiete Deutschlands und gehört zu den schönsten und gefragtesten Wohngegenden.  Fabrikanten, Bankiers und Unternehmer bauten hier ab 1860 in den verschiedensten Architekturstilen: Die gut erhaltenden und restaurierten Gebäude mit kunstvollen Jugendstiltüren, Stuckfassaden, Marmorentées, Erkern, verspielten Türmchen und die gepflegten Gärten locken zum Flanieren durch das malerische Viertel am Hang unterhalb von Wuppertals Kaiserhöhe.

Gründerzeitvilla im Briller Viertel, Foto: Ute Latzke

Zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

Architektur

Wi(e)der die Unken in Wuppertal!

In Wuppertal tut sich endlich was, die B7 wird bald fertig und das neue Areal um den Döppersberg nimmt Gestalt an – wenn auch der Investorenkubus inkl. Primark weiterhin die Gemüter erhitzt. Und auch an anderen Stellen Wuppertals geht es voran. So auch im Briller Viertel, das laut Wikipedia zu den größten gründerzeitlichen Villengebieten Deutschlands zählt. Hier neu zu bauen, ist ein sensibles Thema – wegen hoher Auflagen vom Denkmalamt und grundsätzlich: Die Viertelbewohner schreien hier generell Zetermordio, wenn Neubaupläne laut werden, Tenor: „Passen nicht hierher!“ Aus.

Besonders erhitzten sich die Gemüter beim Neubau eines Mehrfamilienhauses der Niederländisch-reformierten Gemeinde, das im Herbst 2016 fertiggestellt worden ist. Vielmehr war es ein „Gemüt“, das kochte, und zwar das des Anwohners aus dem Haus Nr. 98 auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Westdeutsche Zeitung (WZ) zitierte O. von Blomberg in dem Beitrag "Gemeinde baut – nicht allen gefällt's" mit: „Das Briller Viertel wird verschandelt“, außerdem könne er nicht verstehen, dass „dafür eine Baumreihe gefällt werden muss“. Diese Empörung wirkt scheinbar berechtigt. Gerade auch dann, wenn die WZ einige Monate später im Bericht „Bauprojekte im Briller Viertel wachsen“ ein anschauliches Foto des mausgrauen Rohbaus veröffentlicht. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass solche Vorstufen von Gebäuden einfach mies aussehen!

Tatsächlich präsentiert sich jetzt nach der Fertigstellung ein gelungener Neubau. Bei dem Entwurf sind Gestaltungselemente der umgebenden und gegenüberliegenden Gründerzeithäuser aufgenommen und angemessen in moderne Architektur übersetzt worden. Es wirkt geradezu so, als hätte das Haus schon immer dort gestanden. Das sehe übrigens nicht nur ich so: Bei einem Spaziergang durch die Katernberger Straße mit mehren älteren Herrschaften äußerten diese unaufgefordert: „Das ist aber schön geworden, passt richtig gut, zu den anderen alten Häusern“. Chapeau!

-> zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

Und was die ungebührliche Baumrodung betrifft: Längst sind um das Gelände vor dem Haus wieder kleinere Bäume bzw. Hecken angepflanzt worden. Jetzt heißt es Geduld haben, die müssen erst wachsen! Und: Der erzürnte Bewohner aus Nr. 98 schaut nun anstatt auf eine zuvor komplett geschlossene, viel zu eng bewachsene Baumreihe weit bis auf die Kaiserhöhe. Den Anwohnern der Häuser weiter oben wie Nr. 100 und folgende bietet sich gar ein fantastischer Panoramablick bis hin zu den Südstadthöhen inklusive Wuppertaler Uni.

Auch das Facelift an der Katernberger Straße 100 durch die Betreiber der Galerie Droste ist gelungen. Jetzt hat das ehemals leerstehende Bürohaus aus den 60ern neue bodentiefe Fensterfronten, die einen Blick auf laufende Ausstellung gewähren und eine optisch ansprechende Holzverkleidung. Passt hierher, ganz bestimmt!

Es kommt eben darauf an, wie etwas realisiert wird. Vielleicht sollten die lokalen Unken einfach einmal die Fertigstellung eines Bauvorhaben abwarten (sic! Döppersberg). Und dann später auch einmal offen zugeben oder einlenken, dass etwas gut geworden ist! Doch das passiert leider in Wuppertal eher selten...

Die neue und attraktive Adresse für Kunst an der Katernberger strasse 10 im Briller Viertel, Foto: Galerie Droste.

Architektur

Markante Fassade mit warmer Ausstrahlung

Menschen, die sich wenig mit zeitgemäßer Architektur oder Bauen mit Beton beschäftigen, empfinden dies oft als kalt oder trist, Tenor: Ist das Gebäude schon fertig und soll das etwa so bleiben...? Das Museum für Architekturzeichnung in Berlin Prenzlauer Berg begeistert nicht nur durch seine kühne Konstruktion, sondern auch mit einer ganz besonderen Fassade aus gefärbtem Sichtbeton. Ein markantes Relief auf der gesamten Oberfläche gibt dem Gebäude Charakter, eine warme Ausstrahlung und Leichtigkeit: Die stilisierten Architekturzeichnungen wirken, als seien sie mit einem lockeren Federstrich ausgeführt.

 

Das Museum für Architekturzeichnung liegt auf dem Gelände des Pfefferbergs in Berlin-Prenzlauer Berg. Es präsentiert sich als viergeschossiger Massivbau mit einem gläsernen Staffelgeschoss. Beton und Glas bilden die Fassade, deren ungewöhnlich ornamentierte Oberfläche einen Kontrast zur Klarheit und Schlichtheit des Museumsbaus bildet: Die Fassade zieren stark vergrößerte Fragmente architektonischer Skizzen. Damit gibt die Außenhülle des Museums gleich Aufschluss, was den Besucher erwartet. Im Inneren kehren die Gestaltungselemente der Fassade in handgeschnitzten Holzpanelen der Wände wieder.

Das Museum beherbergt die Tchoban Stiftung und deren umfangreiche Sammlung von Architekturzeichnungen. 2009 gründete Stifter und Architekt Sergei Tchoban die Foundation, mit dem Ziel, die fantastischen und emotionsgeladenen Welten der Architekturzeichnung in Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen.

Weitere Informationen zur Sammlung und Ausstellungen auf der Website der Tchoban Foundation.