Einfamilienhaus aus Sichtbeton in der Nähe von Luxemburg, Entwurf Denzer & Poenzgen, Foto: Christian schaulin.

Pure Betonfassade. Ausgezeichnet!

Ein Haus, zur Sonne hin offen und neugierigen Blicken verschlossen – so die Kurzbeschreibung eines Einfamilienhauses in einem Vorort von Luxemburg. Doch der zeitlos-elegante Kubus besticht noch mehr durch seine puristische Sichtbetonfassade, ein großzügiges Raumkonzept und eine angenehme Zurückhaltung zugunsten von Umgebung und Natur. Ein ausgezeichneter Entwurf von Denzer & Poensgen – und das im Wortsinne...

 
 

Sichtbetonfassade erstrahlt, Foto: R. Mader

Terrasse, foto: RAiner Mader

 
 

Gute Architektur setzt sich mit dem zu bebauenden Raum auseinander und bezieht dabei auch den öffentlichen Außenraum und dessen besonderen Merkmale planvoll ein. Dies sollte gerade auch für die Realisierung des Traums vom Häuschen im Grünen gelten.  Doch dort und in den Vororten vieler Großstädte hat der boomende Eigenheimbau über die Jahre eine regelrechte Zersiedlung vorangetrieben. In solchen Wohnkolonien drängen sich inzwischen die unterschiedlichsten Gebäudetypen unter dem Dach der „geschmacklichen Vielfalt“ zu einem kruden architektonischen Mix zusammen.

Ganz anders verhält es sich bei dem Einfamilienhaus in Leudelange, einem Vorort südwestlich von Luxemburg. Das elegante Domizil einer fünfköpfigen Familie erstrahlt in hellgrauem Sichtbeton – farblich unterbrochen von markanten umbragrauen Fensterbändern – und setzt architektonische Akzente, ohne sich optisch aufzudrängen oder die Dorfsilhouette zu stören. Der Entwurf von Denzer & Poensgen aus Marmagen vereint den Wunsch der Bauherren nach einer zeitlosen und nachhaltigen Architektur sowie viel Privatsphäre, Raum und Licht mit der natürlichen Umgebung bzw. den örtlichen Gegebenheiten. Dabei waren die räumlichen Bedingungen nicht ideal: Die Gegend um das etwa 1.500 m2 große Grundstück ist durch die historisch gewachsene Block- und Zeilenbebauungen geprägt und den Gebäudebestand der 1960er sowie Folgejahre. Südlich grenzt das Grundstück mit einem kleinen ehemaligen Backhaus direkt an eine Straße. Die Architekten haben den Neubau in den Verlauf der bestehenden Zeile städtebaulich integriert und den privaten Raum durch eine Einfriedung von der Straße abgeschottet. Das Backhaus wurde in dieses Konzept mit einbezogen.

Zeitloses Wohnkonzept prämiert
Die gestalterische und planerische Gratwanderung zwischen den privaten Wünschen der Bauherren – auch im Hinblick auf nachhaltiges Bauen – und den örtlichen Voraussetzungen hat das Architekturbüro gekonnt vollzogen. Denn ihr Entwurf begeistert nicht nur die Familie, sondern ist auch mit dem 2. Platz beim Wettbewerb „Die besten Häuser 2015“ (SchönerWohnen) ausgezeichnet worden. Die Begründung der Jury: „Sichtbeton als Baustoff verstärkt die puristische-kubische Bauweise. Die Fenster- und Klappläden akzentuieren wirkungsvoll und lockern den strengen Baukörper auf. Eltern- und Kinderbereiche sind im Obergeschoss optimal getrennt, wobei dank der Anordnung von Loggien hoher Wohnkomfort entsteht – auch für zukünftige Wohnkonstellationen.“ Ein Urteil, das die Architekten gerne angenommen haben: „Es ist eine Bestätigung für uns und unser Team und eine tolle Auszeichnung“, freut sich Architekt Georg Poensgen. Zumal die Erwartungen der Bauherren hinsichtlich Gestaltung und Präzision bei der Ausführung des Neubaus sehr hoch waren: Die deutsch-französische Familie hatte sich in das ebenfalls von Denzer & Poensgen realisierte Atriumhaus in Trier (2006) verliebt und wünschte sich für ihr Heim nun einen ebenso modernen, puristischen und präzisen Entwurf mit Sichtbeton.

Sandwichkonstruktion aus hellgrauen Betonfertigteilen
Die voll unterkellerte Villa mit rund 500 m2 Wohnfläche ist als Sandwichkonstruktion aus Betonfertigteilen ausgeführt. Die zweischalige Außenkonstruktion erhielt eine Dämmung in der Mitte und wurde zusätzlich mit einem wärmegedämmten Mauerwerk hintermauert. Der gesamte Wandaufbau beträgt insgesamt 50 cm. „Somit werden die gesetzlichen Bestimmungen des Energiestandards eingehalten“, erklären die Architekten. Für das Wohnhaus wurde ein Energiepass durch einen Energieberater aufgestellt.

 

Die Bauherren entschieden sich für eine gasbetriebene Brennwerttherme und eine Fußbodenheizung sowie eine separate Wasser-Luft-Wärmepumpe für das Schwimmbad, die durch eine Solaranlage unterstützt wird. Die Betonfertigteile produzierte ein Hersteller aus Luxemburg und diese wurden in enger Absprache mit dem Rohbauunternehmer montiert.

Eine große Herausforderung stellten die glatten Oberflächen dar. „Wir hatten hier sehr hohe Ansprüche an die Qualität der Fertigteile sowie an die ausführende Baufirma. Beispielsweise sollten die Eckausbildungen scharfkantig ausgeführt werden. Die Produktion, die Anlieferung sowie die Montage der Fertigteile wurden daher in sehr enger Absprache mit den ausführenden Unternehmen durchgeführt. Somit lagen die Toleranzen im Millimeterbereich“, erklärt Andrea Denzer nicht ohne Stolz. Das Fertigteilwerk entwickelte im Vorfeld eine Vielzahl von Mustern mit unterschiedlichen Oberflächen und Betonfarben. Die Architekten wählten für die Betonfertigteile gemeinsam mit den Bauherren eine glatte und hellgraue Oberfläche aus, die eine lichte und freundliche Atmosphäre im Innenbereich schafft und gleichzeitig der Natur im Außenraum eine dezente Leinwand bietet.

Innen und Außen verschmelzen
Im Inneren des Hauses stehen die Küche, der Essbereich und das Wohnzimmer in direkter Verbindung mit dem Garten bzw. dem Vorhof. So verschmelzen Außen- und Innenräume miteinander und gewähren in den warmen Monaten Schutz vor der Hitze. Licht und Sonne unterstreichen die stets wechselnde Darstellungen der Jahreszeiten. Dieses Konzept der Innen- und Außenraumbeziehungen setzt sich auch in den beiden anderen Geschossen konsequent fort. Im Obergeschoss befinden sich das Bad, Elternzimmer und ein weiteres Zimmer zur Straße hin sowie zwei Loggien. Im Untergeschoss verbindet ein Hof den Sauna- und Fitnessbereich mit dem Garten. „Raum ist für uns auch Weg, und erst mit dem Durchschreiten wird dieser begriffen“, so Georg Poensgen.

Beton: Sparsame Ästhetik und Nachhaltigkeit
Dieses Gespür für innere und äußere Räume in Kombination mit dem bewussten Materialeinsatz zieht sich als roter Faden durch alle Gestaltungsprojekte des Architekturbüros. Dabei ist das Material der Wahl nicht nur Beton, sondern auch Naturstein oder Holz. So etwa bei dem ebenfalls prämierten Entwurf des Anbaus eines Einfamilienhauses aus Kalkstein an ein 100 Jahre altes Jagdhaus am Ortsrand von Wuppertal-Schöller, bei dem das Gesamtensemble eine gelungene Symbiose aus Alt und Neu vollzieht. Spannend und nachhaltig seien solche Materialien, finden die Planer.

Wobei das natürlich auch für den natürlichen Baustoff Beton gelte. An Beton reizt die Architekten insbesondere, dass er in jede nur erdenkliche Form umzusetzen ist und sich damit Räume in allen möglichen Proportionen und Größen sowie in Abstufungen von hell bis dunkel schaffen lassen. Bei allen Projekten lassen sich Andrea Denzer und Georg Poensgen von der Natur inspirieren, Vorbilder sind aber auch die römischen Baumeister. „Sie zeigen uns den Umgang mit Außenräumen anhand von Atrien und Peristylgärten, vieles davon lässt sich mit Beton auch heute realisieren“, sagt Andrea Denzer. Auch in Zukunft stehe Beton für elegante Schönheit und Harmonie sowie sparsame Ästhetik und einen sinnlichen Umgang mit Außen- und Innenräumen. „Sollen Gebäude eine längere Lebenszeit überdauern, sind Nachhaltigkeit und Effizienz die entscheidenden Kriterien. Und da sind die Möglichkeiten von Beton längst noch nicht ausgeschöpft“, findet Georg Poensgen.