Eigenlob stimmt, und Leistung von anderen anzuerkennen, ist eine Zier
/Was für ein Bild: Der Olympiasieger im Brustschwimmen zögert am Beckenrand, obwohl ein Kind zu ertrinken droht. Einfach, weil er sich nicht zur Schau stellen und angeben will. Absurd, trotzdem Alltag bei Unternehmen und Selbstständigen. Viele halten ihre Expertise aus aufgesetzter Demut schamvoll klein. Gleichzeitig plärren Ahnungslose lautstark ins Mikrofon und erheben ihre Mittelmäßigkeit zur Exzellenz.
Zeit, diese verklemmte Marotte zu begraben: Eigenlob stinkt nicht, sondern stimmt – vorausgesetzt, man kann auch was. Und wer mutig zur eigenen Exzellenz steht, hat auch die Größe, die Leistungen anderer anzuerkennen. Gefühlt ist das so, doch in der Praxis läuft es oft anders: Einige Erfahrungen – auch meiner Kunden –, die nerven und an die Substanz gehen.
Eine kleine Bestandsaufnahme aus dem Alltag. Da ist auf der einen Seite der Protagonist aus dem digitalen Marketing: Anfang 20, zwei Jahre „fundierte Praxis, tausende von Unternehmen beraten” und sein Gestus des Siegers mit Sabbatical-Attitüde. Selbstredend werden bei einer Anstellung 10.000 Euro Monatsgehalt gefordert, bei einer Vier-Tage-Woche versteht sich.
Demgegenüber liegt die verklemmte Kulturprämisse unter den Fähigen: Wer überzeugt ausspricht, was er kann, gilt schnell als anstrengend. Also wandert die eigene Leistung lieber unter den Scheffel – aus Angst vor dem Verdacht der Marktschreierei.
Wer etwas drauf hat, darf das auch sagen
Im Marketing wird gebetsmühlenartig gepredigt, man müsse sich in eine winzige Nische zwängen, um bloß berechenbar zu bleiben. Warum sollte ich meine Bandbreite dimmen? Als Autorin, Webdesignerin, Typografin und Künstlerin schaue ich auf ein vielschichtiges Œuvre – geadelt durch reale Resonanz. In dem Fall ist Vielseitigkeit kein Makel, sondern Qualität und kreative Freiheit.
Die Zeit ist zu kurz für die engen Maßstäbe derer, die nur eine einzige Schiene beherrschen. Wenn andere den Horizont nicht aufbringen, Qualität zu erkennen oder ehrlich zu gönnen: geschenkt. Das ist nicht mein Engpass. Ich warte nicht darauf, dass mir irgendwer gnädig die Bühne freiräumt. Ich nehme es selbst in die Hand, teile meine Arbeit und schaffe direkte Verbindung. Das ist kein Marktschreien, sondern gelassene Selbstermächtigung.
Spannend ist, wie das Umfeld auf echte Leistung reagiert. Drei Kulturphänomene lassen sich dabei hervorragend beobachten, und zeigen wie der moralische Kompass durchdreht:
1. Besserwisserei vs die Kunst der – respektvollen – Korrektur
Die typische (deutsche) Besserwisserei prangert kleine Fehler bevorzugt vor versammelter Mannschaft an. Wie erfrischend ist dagegen die britische Zurückhaltung: Fällt dort ein falscher Begriff, korrigiert man nicht lautstark, sondern greift das Wort im nächsten Satz beiläufig und richtig auf. Das wahrt das Gesicht aller. Genau wie jene feinfühlige Mitreisende, die mir kürzlich leise zuraunte: „Liebe Ute, auf Deiner Startseite ist ein Buchstabe in der Überschrift verrutscht.“ Diskret, nicht beim Abendessen der Gruppe, unter vier Augen. Das hat Klasse. Und ich hatte den Ehrgeiz, dies noch auf Reise zu korrigieren per App – weil es mir wichtig ist.
2. Phänomen des „Einweg-Netzwerkers“
Diese Zeitgenossen übergehen die Exzellenz anderer im Alltag schweigend. Bloß keine Empfehlung aussprechen – man könnte der Konkurrenz ja eine Bühne verschaffen. Erzeugt dann aber ein gemeinsames Projekt Resonanz, schaltet sofort ein faszinierender Reflex ein: „Schade, dass mein Name da nicht steht… Kannst Du mich verlinken?“ Wer selbst nie die Souveränität aufbringt, Wertschätzung zu zeigen oder selbst was für die eigene Sichtbarkeit zu tun, fährt lieber Trittbrett. Was ist mit quid pro quo?
Wenn Unverbindlichkeit zur Dreistigkeit wird
Besonders bizarres Terrain betreten wir beim Thema B2B-Ghosting, Neudeutsch für Abtauchen und nie mehr melden. Da laufen die mehrfachen Vorgespräche zwischen Architektin und Interessentin rund, alle sind begeistert. Die künftige Bauherrin holt dann noch bei drei früheren Kunden überschwängliches Feedback ein – und taucht dann kurz vor der Zusage komplett ab, Funkstille. E-Mails werden nicht beantwortet, auf telefonische Nachfrage wird aufgelegt. Totale Ignoranz sowie Unverständnis und auch mentale Erschöpfung bei der Architektin, Motto: Sind meine Leistung und Zeit nichts wert?
Oder der Fall jener Nachbarschaftshilfe, bei der ein Architekt vier Stunden Feierabendzeit opferte, um ein Baugesuch nachträglich durchzuboxen. Er verlangte aus Gefälligkeit keinen Cent. Das Resultat? Keine Einladung zum Essen, sondern wilde Vorwürfe des Antragstellers wegen der folgenden regulären Gebühren des Bauamtes. Schweigen ist keine Antwort, und Dreistigkeit ist keine feine Art.
Oh ja – wir sehen diese Unverbindlichkeit und Oberflächlichkeit gerne bei der jüngeren Generation. Das stimmt nur teilweise. Dieser moralische Kompassverlust ist längst im bürgerlichen plus 50-Milieu angekommen. Und mal ehrlich: Es erfordert heute null Mut, eine sachliche Absage per E-Mail zu versenden – wer möchte, lässt sich dabei von einer KI helfen. Dass selbst diese Form des unverbindlichen, aber noch halbwegs korrekten Ausstiegs verweigert wird, zeigt eine Verrohung im Umgang mit der Zeit und Expertise anderer.
Echte Souveränität braucht weder falsche Bescheidenheit noch stumme Ignoranz. Eigenlob stimmt, wenn Leistung dahintersteht. Und wer Größe besitzt, hat es nicht nötig, die Exzellenz anderer totzuschweigen, sondern unterstützt sie.
